Klagelieder 3–5
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- NIrV New International Reader’s Version (1998)
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3: Leiden und Trost
311 Ich bin der Mann, der gelitten hat durch die Rute seines Zorns. 2Mich trieb er weg und ließ mich gehen im Dunkeln, ohne Licht. 3Nur mich trifft seine Hand, immer wieder, jeden Tag.
4Er ließ meine Haut verfallen und mein Fleisch; er zerbrach mir die Knochen. 5Mit Bitterkeit und Qual umbaute und umschloss er mich. 6In Finsternis ließ er mich wohnen wie die Toten aus uralter Zeit.
7Er hat mich ummauert, ich komme nicht weg, er hat mich in schwere Ketten gelegt. 8Auch wenn ich schrie und flehte, er verschloss sich vor meinem Gebet. 9Mit Quadersteinen versperrt er meinen Weg. Ich komme nicht mehr weiter.
10Wie ein Bär hat er mir aufgelauert, wie ein Löwe im Versteck. 11Er hat mich vom Weg heruntergezerrt, mich zerrissen und zerfleischt. 12Er spannte den Bogen und stellte mich hin, benutzte mich als Ziel für den Pfeil.
13Die Geschosse aus seinem Köcher trafen meine Nieren schwer. 14Die Leute meines Volkes lachten mich aus, ihre Spottlieder hörte ich jeden Tag. 15Er machte mich mit Bitternissen satt und ließ mich bitteren Wermut2 trinken.
16Er ließ meine Zähne auf Kiesel beißen und trat mich in den Staub. 17Du hast mich aus dem Frieden verstoßen. Ich habe vergessen, was Glück bedeutet. 18Ich sagte: „Meine Zukunft ist verloren, auch meine Hoffnung auf Jahwe.“
19Denke ich an mein rastloses Elend, ist das wie Wermut und Gift. 20Doch immer wieder muss ich es tun und bin schwermütig geworden. 21Doch das will ich mir zu Herzen nehmen, darauf darf ich hoffen:
22Die Güte Jahwes ist nicht zu Ende, sein Erbarmen hört nicht auf. 23An jedem Morgen ist es neu. Deine Treue ist groß! 24Ich sage: „Alles, was ich habe, ist Jahwe!“ Darum hoffe ich nur auf ihn.
25Gut ist Jahwe zu denen, die auf ihn hoffen, und zu dem, der seine Nähe sucht. 26Gut ist es, schweigend zu hoffen auf die Hilfe Jahwes. 27Gut ist es, wenn einer das Joch schon in der Jugend trägt.
28Er sitze einsam und still, wenn man es ihm auferlegt. 29Er presse den Mund auf den Boden, weil es vielleicht noch Hoffnung gibt. 30Er halte dem die Wange hin, der ihn schlägt, und ertrage alle Demütigung.
31Denn nicht für immer verwirft uns der Herr. 32Denn wenn er betrübt, erbarmt er sich wieder. Seine Güte ist unfassbar groß.33Denn nicht aus Herzensfreude demütigt er, fügt Menschenkindern Schmerz und Kummer zu.
34Dass man mit Füßen tritt die Gefangenen im Land, 35dass man das Recht des Menschen vor den Augen des Höchsten beugt, 36dass man irreführt vor Gericht, sollte der Herr das nicht sehen?
37Wer sonst spricht ein Wort, dass es geschieht? War das nicht ein Befehl des Herrn? 38Kommt nicht aus dem Mund des Höchsten das böse und das gute Geschick? 39Was beklagt sich der, der noch am Leben ist? Seine Sünde sollte er beklagen!
40Wir wollen unseren Wandel erforschen! Und kehren wir um zu Jahwe! 41Lasst uns Herz und Hände zu Gott im Himmel erheben! 42Wir haben gesündigt und dir getrotzt, und du, du hast nicht vergeben.
43In Zorn gehüllt hast du uns verfolgt, uns ohne Mitleid getötet. 44Du hast dich mit einer Wolke umhüllt, kein Gebet kam mehr hindurch. 45Du hast uns zu Abfall gemacht und zum Ekel für die Völker.
46Unsere Feinde reißen ihr Maul gegen uns auf. 47Uns wurden Grauen und Grube zuteil, Zusammenbruch und Untergang. 48Meine Tränen strömen wie Bäche, weil mein Volk zugrunde ging.
49Mein Auge zerfließt in Tränen, kommt nicht zur Ruhe, hört nicht auf, 50bis Jahwe vom Himmel herunterschaut und es sieht. 51Was ich sehen muss, tut meiner Seele weh, das, was den Töchtern meiner Stadt geschieht.
52Die, die grundlos meine Feinde sind, jagten mich wie einen Vogel. 53In der Grube wollten sie mich töten und warfen Steine auf mich. 54Das Wasser ging mir über den Kopf. Ich sagte: „Jetzt bin ich verloren!“
55Da rief ich deinen Namen, Jahwe, aus der Grube schrie ich zu dir. 56Du hörtest meinen Ruf: / „Verschließ dein Ohr nicht meinem Seufzen, / und meinem Geschrei!“ 57Als ich rief, kamst du in meine Nähe und sagtest: „Fürchte dich nicht!“
58Du kämpftest im Rechtsstreit für mich, Herr, du hast mein Leben erlöst. 59Du sahst meine Entrechtung, Jahwe. Verhilf mir doch zu meinem Recht! 60Du hast ihre Rachgier gesehen, alle ihre Pläne gegen mich.
61Du hast ihr Schmähen gehört, Jahwe, alle ihre Pläne gegen mich, 62ihr Gerede gegen mich und Tag für Tag all ihren Spott. 63Schau doch ihr Tun und Lassen an! Ich bin ein Spottlied für sie.
64Vergelte es ihnen, Jahwe, sie haben es nicht anders verdient! 65Verblende sie, verwirre ihren Sinn! Dein Fluch soll über sie kommen! 66Verfolge sie in deinem Zorn, Jahwe, und rotte sie unter deinem Himmel aus.
4: Jerusalems Elend
41 Ach, wie dunkel ist das Gold geworden, das edle Metall verlor seinen Glanz. An Straßenecken hingeschüttet liegen die Steine des Heiligtums.
2Zions hochgeschätzte Söhne, aufgewogen mit reinem Gold – man behandelt sie wie Tongeschirr, wie billiges Zeug vom Töpfer gemacht.
3Selbst Schakale reichen die Brust, säugen ihre Jungen. Meines Volkes Frauen sind grausam geworden; wie Strauße in der Wüste verhalten sie sich.
4Die Zunge des Säugling klebt / an seinem Gaumen vor Durst. Die Kinder verlangen nach Brot, doch niemand reicht ihnen ein Stück.
5Die sonst nur Leckerbissen aßen, verschmachten jetzt auf den Straßen. Die auf Purpurlagern ruhten, liegen jetzt auf dem Mist.
6Die Schuld meines Volkes war größer als die der Bewohner von Sodom, deren Stadt ganz plötzlich unterging, ohne dass eine Hand daran rührte.
7Reiner als Schnee waren ihre Geweihten und weißer als Milch; rosig wie Korallen war ihr Leib und wie Saphir ihre Gestalt.
8Schwärzer als Ruß sind sie jetzt, man erkennt sie nicht auf der Straße; faltig hängt ihre Haut auf den Knochen, trocken wie ein Stück Holz.
9Die durch Schwerter Gefallenen waren besser dran als die durch Hunger Gefällten, die langsam verendeten, vom Mangel an Feldfrucht gequält.
10Die Hände zärtlicher Frauen haben die eigenen Kinder gekocht. Als mein Volk zusammenbrach, haben sie ihnen als Speise gedient.
11Ausgebrannt hat Jahwe seinen Grimm, ausgegossen die Glut seines Zorns. In Zion hat er ein Feuer entzündet, das selbst die Grundmauern fraß.
12Kein König hätte es geglaubt, kein Mensch auf dieser Welt, dass je ein Bedränger und Feind in die Tore Jerusalems dringt.
13Wegen der Schuld ihrer Propheten, wegen der Sünden ihrer Priester, die in ihrer Mitte das Blut von Gerechten vergossen,
14wankten sie blind durch die Gassen, besudelt mit Blut, sodass man ihre Kleidung nicht anrühren durfte.
15„Fort, ihr seid unrein!“, rief man ihnen zu. „Fort mit euch, rührt uns nicht an!“ Da flohen sie und wussten nicht, wohin. Bei den Völkern sagte man: „Für sie ist kein Platz unter uns.“
16Jahwe hat sie im Zorn zerstreut, er blickt sie nicht mehr an. Den Priestern zollt man keine Ehrfurcht, nicht einmal Greise werden verschont.
17Wir schauten uns die Augen aus auf der Suche nach Hilfe – umsonst. Wir spähten auf dem Wachtturm nach einem Volk, das gar nicht helfen kann.
18Sie hinderten uns, die Plätze unserer Stadt zu betreten. Das Ende nahte, unsre Zeit war um. Da kam unser Ende.
19Schneller als Adler waren unsere Verfolger. Auf den Bergen hetzten sie uns, in der Wüste lauerten sie uns auf.
20Unser Lebensatem, der Gesalbte Jahwes, wurde in ihren Gruben gefangen, unser König, von dem wir dachten: In seinem Schutz leben wir unter den Völkern.
21Juble nur, sei schadenfroh, du Tochter von Edom, die da wohnt im Lande Uz2. Der Becher geht auch an dir nicht vorüber, du wirst betrunken sein und dich entblößen.
22Tochter Zion, deine Schuld ist zu Ende, nie mehr führt er dich gefangen fort. Doch du, Tochter Edom, mit deiner Schuld rechnet er ab, deine Sünden deckt er auf.
5: Gebet um Gottes Erbarmen
511 Jahwe, denk daran, was uns geschah! Schau her und sieh unsere Schmach!
2Unser Erbbesitz fiel Fremden zu, Ausländer wohnen in unseren Häusern.
3Wir wurden Waisen, ohne Vater; und unsere Mütter sind Witwen.
4Unser Trinkwasser kostet Geld, nur gegen Zahlung erhalten wir Holz.
5Wir haben die Verfolger im Nacken, wir sind erschöpft, doch Ruhe bekommen wir nicht.
6Ägypten reichten wir die Hand, Assyrien, um uns satt zu essen.
7Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr; wir aber tragen ihre Schuld.
8Sklaven herrschen über uns, und niemand befreit uns aus ihrer Gewalt.
9Unter Lebensgefahr holen wir uns Brot, bedroht vom Schwert in der Wüste.
10Unsere Haut erglüht wie vom Ofen von den Fieberqualen des Hungers.
11Frauen haben sie in Zion vergewaltigt und Mädchen in den Städten Judas.
12Obere haben sie aufgehängt und Älteste entehrt.
13Junge Männer müssen die Handmühle drehen, Knaben brechen unter der Holzlast zusammen.
14Die Ältesten beraten nicht mehr im Tor, die Jungen lassen das Saitenspiel.
15Die Fröhlichkeit unseres Herzens ging dahin, unser Reigentanz hat sich in Trauer verwandelt.
16Unsere Krone haben wir verloren. Weh uns wegen unserer Sünde!
17Darum ist unser Herz krank, darum sind unsere Augen trüb:
18weil Zions Berg verödet ist, nur Füchse streifen noch herum.
19Du, Jahwe, bleibst in Ewigkeit, dein Thron hat für immer Bestand!
20Warum willst du uns für immer vergessen, uns verlassen lebenslang?
21Führ uns zu dir zurück, Jahwe, so kehren wir um! Gib uns neues Leben wie früher!
22Oder hast du uns ganz verworfen, bist allzu zornig über uns?
Fußnoten
- 1Im dritten Klagelied, dem Höhepunkt des Buches, beginnt sogar jeder der drei Verse einer Strophe mit dem gleichen Buchstaben des hebräischen Alphabets.
- 2Wermut. Heilpflanze, deren bittere Aromastoffe auch für Getränke verwendet werden, zum Beispiel in Wermutwein.
- 2Uz bezeichnet ein großes Gebiet östlich der Araba, des Jordangrabens, der bis zum Golf von Elat reicht.
- 1Inhaltlich entspricht das fünfte Lied ungefähr dem ersten. Die zweizeiligen Strophen folgen aber nicht mehr dem Alphabet.
Copyright 2018 Karl-Heinz Vanheiden