Klagelieder 1–2
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1: Jerusalem klagt über sein Elend
11Wie einsam sitzt sie da die stark bevölkerte Stadt. Einer Witwe gleicht nun die Große unter den Völkern. Die Fürstin der Provinzen muss Zwangsarbeit tun.
2Sie weint und weint in der Nacht, Tränen sind auf ihren Wangen. Keiner ist da, der sie tröstet, keiner von ihren Geliebten. Untreu sind all ihre Freunde, ja zu Feinden wurden sie.
3Juda zog in die Gefangenschaft, weg aus Elend und schwerer Schinderei. Nun wohnt es unter den Völkern und findet keine Ruhe mehr. Alle seine Verfolger holten es ein, von allen Seiten ist es bedrängt.
4Die Wege nach Zion trauern, denn niemand kommt zum Fest. Menschenleer sind ihre Tore. Die Priester seufzen. Traurig sind die jungen Frauen. Zion selbst leidet bitteren Schmerz.
5Ihre Gegner sind an der Macht, ihren Feinden geht es wohl. Jahwe hat ihr das Leid geschickt wegen der Menge ihrer Verbrechen. Ihre Kinder hat der Feind geraubt, er trieb die Gefangenen vor sich her.
6So schwand der Tochter Zion2 alle ihre Pracht. Ihre Oberen wurden wie Hirsche, die keine Weide mehr finden. Kraftlos zogen sie dahin, die Jäger hinter ihnen her.
7In den Tagen ihres Elends und ihrer Heimatlosigkeit denkt Jerusalem an die Schätze, die es einst besessen hat. Als ihr Volk in Feindeshand fiel, gab es keinen, der ihr half. Ihre Feinde schauten zu und lachten, als sie unterging.
8Schwer gesündigt hat Jerusalem, deshalb wurde die Stadt zum Gespött. Ihre Verehrer verachten sie, denn sie sahen sie nackt. Sie selbst aber seufzt und wendet sich ab.
9Ihr Unflat klebt an ihrem Saum, ihr Ende hat sie nicht bedacht. Entsetzlich tief ist sie gefallen und hat keinen, der sie tröstet. „Jahwe, sieh mein Elend an, sieh, wie der Feind triumphiert!“
10Der Feind hat seine Hand nach ihren Schätzen ausgestreckt. Hilflos musste sie ansehen, wie Fremde in ihr Heiligtum drangen. Fremde, denen du verboten hast, in ihre Versammlung zu kommen.
11Alle Einwohner seufzen auf der Suche nach Brot. Sie geben ihre Kostbarkeiten für Nahrung, nur um am Leben zu bleiben. „Sieh doch, Jahwe, und schau, wie verachtet ich bin!
12Nichts dergleichen möge euch treffen, die ihr hier vorübergeht! Schaut her, wo gibt es solche Qualen, wie ich sie jetzt erleiden muss? Jahwe hat sie mir auferlegt am Tag seines lodernden Zorns.
13Von oben schickte er Feuer auf mich; es wütet in meinen Gebeinen. Er spannte ein Netz für meine Füße, rücklings riss er mich nieder. Er hat mich einsam gemacht, krank für alle Zeit.
14Schwer ist das Joch meiner Sünden, das er mir zusammengeflochten hat. Er packte es mir auf den Hals, da bin ich zusammengebrochen. Der Herr lieferte mich Menschen aus, denen ich nicht standhalten kann.
15Der Herr verwarf alle Helden, die in meiner Mitte waren. Er rief Feinde gegen mich zusammen, um meine Mannschaft zu zerschlagen. Der Herr hat Juda zertreten, wie man Trauben in der Kelter zertritt.
16Darüber weine ich mich aus, mein Auge zerfließt vor Tränen. Ich habe keinen, der mich tröstet, keinen, der mir Erleichterung bringt. Meine Söhne sind ganz verstört, denn der Feind hat sie in der Hand.“
17Die Zionsstadt ringt ihre Hände, doch niemand ist da, der sie tröstet. Die Nachbarn rief Jahwe als Feinde herbei. Jerusalem ist für sie zum Abscheu geworden.
18„Er, Jahwe, ist im Recht, denn ich habe mich ihm widersetzt. Hört es, alle Völker, und seht auf meinen Schmerz! Meine Mädchen, meine jungen Männer zogen alle als Gefangene fort.“
19Ich rief nach meinen Freunden, doch sie ließen mich im Stich. Meine Ältesten und meine Priester verhungerten in der Stadt, als sie Nahrung suchten, um leben zu können.
20Jahwe sieh, ich habe Angst! Es brennt in meinem Inneren! Das Herz dreht sich mir im Leib herum, weil ich so schrecklich widerspenstig war. Draußen raubte das Schwert meine Kinder und drinnen tat es der Tod.
21Man hört mich seufzen, doch keiner tröstet mich. Alle meine Feinde hörten von meinem Unglück und freuten sich, dass du das getan hast. Bring den Tag herbei, den du angekündigt hast, dann ergeht es ihnen wie mir.
22All ihre Bosheit komme vor dich! Dann vergelte ihnen alles, was du mir vergaltst wegen meiner Verbrechen. Ich seufze ohne Ende, der Kummer macht mich krank.
2: Gottes Zorn über Jerusalem
21Weh, wie hat mit seinem Zorn der Herr die Tochter Zion umwölkt! Er hat die Zierde Israels vom Himmel zur Erde geworfen. Keine Rücksicht nahm seine Wut auf die Fußbank an seinem Thron.
2Der Herr hat schonungslos vernichtet alle Weideplätze Israels. In seinem Grimm zerstörte er Judas befestigte Städte. Dem Königreich und seinen Oberen hat er ein schändliches Ende bereitet.
3In seinem Zorn zerschlug er alles, wodurch Israel mächtig war. Und als die Feinde kamen, zog er seine Hand zurück. Er brannte in Jakob wie ein loderndes Feuer, das ringsum alles verzehrt.
4Wie ein Feind hielt er den Bogen gespannt, die rechte Hand zum Schuss bereit. Wie ein Feind hat er alles getötet, was uns lieb und teuer war. Wie einen Feuerstrom goss er seinen Grimm der Tochter Zion ins Zelt.
5Der Herr ist wie ein Feind geworden und hat Israel vernichtet. Er zertrümmerte all seine Paläste, hat die befestigten Städte zerstört. So hat er viel Leid und Weh auf Judas Tochter gehäuft.
6Wie eine Hütte im Garten zertrat er, was er beschirmte, zerstörte den Ort seiner Festversammlungen. In Zion ließ Jahwe Festtag und Sabbat vergessen. Im Zorneswüten verwarf er Priester und König.
7Verstoßen hat der Herr seinen Altar, entweiht sein Heiligtum. Die Mauern von Zions Palästen übergab er den Feinden. Lärm kommt aus Jahwes Haus wie sonst nur an einem Feiertag.
8Jahwe hatte es sich vorgenommen, die Mauern Zions zu schleifen. Er spannte die Messschnur und plante, sie bis auf den Grund zu vernichten. Wall und Mauern lässt er trauern, denn beide wurden zu Schutt.
9In den Boden sanken ihre Tore, ihre Riegel hat er zerbrochen, zerstört. Ihr König und die Oberen sind in der Fremde. Das Gesetz ist dahin. Auch ihren Propheten gibt Jahwe keine Offenbarung mehr.
10Die Ältesten von Zion sitzen schweigend auf der Erde. Sie haben sich Staub auf den Kopf gestreut, zogen den Trauersack an. Und die Mädchen von Jerusalem lassen den Kopf traurig hängen.
11Meine Augen sind blind vor Tränen, es brennt in meinem Inneren. Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, wie mein Volk zugrunde geht. Kinder und Säuglinge verschmachten draußen auf den Plätzen der Stadt.
12Gequält von Hunger und Durst schrien sie nach ihren Müttern, als sie wie tödlich Verwundete starben auf den Plätzen der Stadt. In den Armen ihrer Mütter taten sie den letzten Atemzug.
13Was soll ich dir nur als Beispiel nennen, Jerusalem, geliebte Stadt? Mit welchem Schicksal kann ich deins vergleichen, wie dich trösten, Mädchen, Tochter Zion? Dein Zusammenbruch ist groß wie das Meer. Wer kann dich noch heilen?
14Nur Lug und Trug erschauten dir deine Propheten! Sie deckten deine Schuld nicht auf, um dein Geschick zu wenden. Mit ihren leeren Prophetensprüchen betrogen und verführten sie dich.
15Alle, die vorüberziehen, klatschen schadenfreudig in die Hände. Sie spotten und schütteln den Kopf über die Tochter Jerusalem: „Ist das die Stadt, die man als Krone der Schönheit rühmte und als Freude der ganzen Welt?“
16Alle deine Feinde reißen ihr Maul über dich auf. Sie zischen und fletschen die Zähne. „Wir haben sie erledigt!“, sagen sie. „Endlich ist der ersehnte Tag gekommen! Jetzt haben wir es geschafft und es gesehen!“
17Jahwe hat getan, was er plante, hat seine Worte wahr gemacht, die er schon längst verkündigen ließ. Nun riss er dich ohne Mitleid nieder. Er schenkte deinen Feinden Triumph, erhöhte die Macht deiner Gegner.
18Ihr Herz schreit auf zum Herrn, du Mauer von Zion. Lass deine Tränen fließen wie einen Bach, unaufhörlich Tag und Nacht. Gönn dir selbst keine Rast und deinen Augen keine Ruh!
19Steh auf und jammere in der Nacht, immer wenn eine Nachtwache beginnt. Schütte dein ganzes Herz aus in der Gegenwart des Herrn. Erhebe deine Hände zu ihm, flehe um das Leben deiner Kinder, die draußen an den Straßenecken vor Hunger verschmachten.
20Jahwe, sieh doch und schau, an wem du so gehandelt hast! Dürfen Frauen ihre Leibesfrucht essen, ihre vielgeliebten Kinder? Darf man denn im Heiligtum des Herrn Priester und Propheten erschlagen?
21Auf dem Boden in den Gassen liegen Kinder und Alte. Meine jungen Männer und Frauen fielen durch das Schwert. Erschlagen am Tag deines Zorns, abgeschlachtet ohne Erbarmen.
22Wie zum Festtag riefst du die zusammen, vor denen mir graute. Am Zornestag Jahwes blieb niemand verschont und entkam. Und die, die ich liebevoll umsorgte, sind meinem Feind zum Opfer gefallen.
Footnotes
- 2Tochter Zion ist ein poetischer Ausdruck für Jerusalem.
Copyright 2018 Karl-Heinz Vanheiden