Hohelied 1–8
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1–3: Die Brautwerbung
Erinnerungen der Liebenden (1–2)
11Das Lied aller Lieder. Von Salomo.
2Komm und küss mich, küss mich! Deine Liebe ist viel besser als Wein. 3Deine Salben verströmen herrlichen Duft, dein Name ist wie ein Wohlgeruch. Alle Mädchen schwärmen für dich. 4Zieh mich mit dir, lass uns eilen! Der König führe mich heim in sein Haus! Jauchzen wollen wir, uns freuen an dir. Wir rühmen deine Liebe mehr als den Wein. Ja, mit Recht schwärmen sie für dich.
5Dunkel bin ich und schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von Kedar1, wie Salomos Decken2. 6Seht nicht darauf, dass ich dunkel bin, braun gebrannt von der Sonne! Die Söhne meiner Mutter fauchten mich an, zur Weinbergswächterin bestimmten sie mich. Meinen eigenen Weinberg3 habe ich nicht bewacht.
7Sag mir, du, den meine Seele liebt: „Wo weidest du die Herde? Wo lässt du lagern am Mittag? Weshalb sollte ich wie eine Verschleierte sein bei den Herden deiner Gefährten?“
8„Wenn du es nicht weißt, du Schönste der Frauen, dann folge den Spuren der Herde und weide deine Zicklein bei den Zelten der Hirten.“
9„Mit der Stute an Pharaos Gefährt vergleiche ich dich, meine Freundin. 10Bezaubernd sind deine Wangen zwischen den Bändern5, dein Hals, mit Muscheln umringt. 11Wir machen dir Bänder aus Gold mit silbernen Perlen.“
12Solange der König an seiner Tafel sitzt, gibt meine Narde6 ihren Duft. 13Ein Myrrhenbeutel7 ist mein Liebster für mich, der zwischen meinen Brüsten ruht. 14Eine Blütentraube vom Hennastrauch8 ist mein Geliebter mir in den Weinbergen von En-Gedi9.
15„Du bist so schön, meine Liebste! Ja, du bist so schön! Wie Tauben sehen deine Augen aus.“
16„Ja, auch du bist anziehend und schön, mein Liebster. Unser Lager ist frisches Grün, 17die Balken unseres Hauses sind Zedern, aus Wacholder die Sparren vom Dach.“
21„Ich bin eine Lilie aus dem Scharon1, eine weiße Blume der Täler.“
2„Wie eine Lilie unter Disteln, so ist meine Freundin unter den Mädchen.“
3„Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen im Wald ist mein Geliebter unter den Männern. In seinem Schatten wollte ich sitzen, und seine Frucht war meinem Gaumen süß.“
4Er hat mich ins Weinhaus geführt. Die Liebe ist sein Banner über mir. 5Stärkt mich mit Rosinenkuchen, erfrischt mich mit Äpfeln, denn ich bin krank vor Liebe. 6Sein linker Arm liegt unter meinem Kopf, und mit dem rechten hält er mich umschlungen. 7Ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jerusalem, bei Hirschkuh und Gazelle auf der Flur: „Weckt die Liebe nicht und scheucht sie nicht auf, bis es ihr selber gefällt!“
Ausdruck gegenseitiger Liebe (2–3)
8Horch – mein Geliebter! Schau, da kommt er! Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 9Mein Geliebter gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Sieh, da steht er vor unserem Haus, schaut durch die Fenster herein, späht durch die Gitter. 10Mein Liebster begann und sagte zu mir:
„Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! 11Sieh doch, der Winter ist vorüber, die Regenzeit vergangen, vorbei! 12Die Blumen zeigen sich im Land, die Zeit der Lieder ist da. Turteltauben gurren überall. 13Die Feige rötet ihre Knoten, die Reben blühen und verströmen ihren Duft. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! 14Mein Täubchen in den Felsen, in der Bergwand, im Versteck: Lass mich deinen Anblick genießen, lass mich hören deine süße Stimme, zeig mir dein liebes Gesicht!“
15Greift uns die Füchse, die kleinen Füchse, die den Weinberg verwüsten, denn unsere Weinberge blühen.
16Mein Liebster gehört mir, und ich gehöre ihm, der seine Herde unter Lilien weidet, 17bis der Abendwind weht und die Schatten fliehen. Nun geh,3 mein Geliebter, sei wie die Gazelle, wie ein junger Hirsch auf den zerklüfteten Bergen.
31Nachts lag ich auf meinem Bett und sehnte mich nach ihm, nach ihm, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. 2Ich sehe mich aufstehen: Ich durchstreife die Stadt, ihre Straßen und Plätze. Ich suchte ihn, dem mein Herz gehört. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. 3Da fanden mich die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. „Habt ihr den gesehen, den meine Seele liebt?“ 4Kaum war ich an ihnen vorüber, da fand ich ihn, dem mein Herz gehört. Ich hielt ihn fest, ließ ihn nicht los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter gebracht, ins Zimmer von der, die mich geboren hat. 5Ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jerusalem, bei Hirschkuh und Gazelle auf der Flur: „Weckt die Liebe nicht und scheucht sie nicht auf, bis es ihr selber gefällt!“
3–5: Die Hochzeit
Der Bräutigam (3)
6Was kommt dort aus der Wüste herauf? Wie Rauchsäulen zieht es heran, umduftet von Myrrhe und Weihrauch und allen Gewürzen der Händler. 7Schau, es ist Salomos Sänfte! Sie ist von sechzig Männern umringt. Das sind die Helden Israels. 8Sie alle tragen ein Schwert und sind alle im Kampf geschult. Jeder hat sein Schwert am Gurt zum Schutz gegen nächtliche Schrecken. 9Eine Sänfte machte sich König Salomo aus edlem Holz vom Libanon. 10Ihre Säulen überzog er mit Silber, ihre Lehne mit Gold, ihren Sitz mit rotem Purpur. Ihr Inneres ist mit Liebe gestaltet, gefertigt von Jerusalems Töchtern. 11Kommt heraus, ihr Zionstöchter, und seht den König Salomo mit dem Kranz, den seine Mutter ihm flocht an seinem Hochzeitstag, dem Tag voller Freude und Glück.
Die erste Nacht (4)
41Wie schön du bist, meine Freundin, wie wunderschön! Deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier1. Dein Haar ist eine Herde schwarzer Ziegen, die herunterspringen vom Gebirge Gilead2. 2Deine Zähne sind weiß wie eine Herde geschorener Schafe, die gerade aus der Schwemme steigt. Sie alle werfen Zwillinge, keins hat einen Fehlwurf3 gehabt. 3Deine Lippen sind wie eine karmesinrote Schnur, lieblich ist dein Mund. Wie eine Granatapfelscheibe schimmert deine Schläfe hinter dem Schleier hervor. 4Dein Hals ist rund wie der Davidsturm, tausend Schilde hängen daran, die Rüstung der Helden. 5Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, die Zwillinge einer Gazelle, die in Lilienwiesen weiden. – 6Wenn der Abendwind weht und die Schatten fliehen, will ich zum Myrrhenberg gehen, zum Weihrauchhügel hin. 7Alles an dir ist schön, meine Freundin, kein Makel ist an dir.
8Komm mit mir, meine Braut, steig vom Libanon4 herab, weg vom Gipfel des Amana, vom Gipfel des Senir, dem Hermon, weg von den Verstecken der Löwen, den Bergen der Panther. 9Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester5, meine Braut, du hast mich betört mit einem einzigen Blick, mit einem einzigen Kettchen von deinem Hals. 10Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, Braut! Deine Liebe ist viel köstlicher als Wein, der Duft deiner Salben betörender als jeder Balsamduft. 11Honig träufeln deine Lippen, meine Braut, und unter deiner Zunge sind Honig und Milch. Deine Kleider duften wie der Libanon.
12Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Brunnen, ein versiegelter Quell. 13Ein Lustgarten rankt sich aus dir, Granatapfelbäume voll köstlicher Frucht, Hennasträucher mit Narden, 14Narde und Safran6, Gewürzrohr und Zimt samt allerlei Weihrauchgewächsen, Myrrhe und Aloë samt Balsamsträuchern allerbester Art. 15Ein Gartenquell bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers, das vom Libanon her fließt.
16Nordwind wach auf! Du, Südwind, komm! Wehe durch meinen Garten und lass seine Düfte verströmen! Komm, mein Geliebter, in deinen Garten, genieße seine köstliche Frucht!
51Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut. Ich pflücke meine Myrrhe samt meinem Balsam, ich esse meine Wabe samt meinem Honig, ich trinke meinen Wein samt meiner Milch. „Esst, meine Freunde, und trinkt und berauscht euch an der Liebe!“1
5–8: Die Ehe
Erste große Unstimmigkeit (5–6)
2Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft:
„Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von den Tropfen der Nacht.“
3„Ich habe mein Kleid doch schon ausgezogen und müsste es wegen dir wieder anziehen. Ich habe meine Füße gewaschen und müsste sie wieder beschmutzen.“
4Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke, da bebte mein Inneres ihm entgegen. 5Ich stand auf, um meinem Liebsten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe durch die Griffe des Riegels, meine Finger von flüssiger Myrrhe. 6Ich öffnete meinem Geliebten, doch er war weggegangen, mein Geliebter war fort. Entsetzen packte mich: Er ist fort! Ich suchte und konnte ihn nicht finden, ich rief ihn, doch er antwortete nicht. 7Es fanden mich die Wächter bei ihrem Rundgang durch die Stadt. Sie schlugen und verwundeten mich. Die Wächter auf den Mauern nahmen mir meinen Überwurf weg.
8Ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jerusalem: Wenn ihr meinen Liebsten findet, was sollt ihr ihm sagen? Dass ich krank bin vor Liebe.
9Was hat dein Geliebter einem anderen voraus, du schönste unter den Frauen? Was hat dein Geliebter einem anderen voraus, dass du uns so beschwörst?
10Mein Geliebter ist rötlich und licht, unter Zehntausenden ragt er hervor. 11Sein Haupt ist feines, gediegenes Gold, seine Locken Dattelrispen, rabenschwarz. 12Seine Augen sind wie Tauben am Bach, gebadet in Milch, wie Juwelen eingefasst. 13Seine Wangen sind Beete voll Balsamkraut, in denen Gewürzkräuter sprießen. Seine Lippen sind Lilien, feucht von flüssiger Myrrhe. 14Seine Arme sind goldene Rollen, mit Topas besetzt, sein Leib ein Block von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren. 15Seine Schenkel Marmorpfeiler auf Sockeln von gediegenem Gold. Sein Anblick gleicht dem Libanon, stattlich wie mächtige Zedern. 16Sein Gaumen ist voll Süße, alles an ihm ist begehrenswert. Das ist mein Geliebter, das ist mein Freund, ihr Töchter von Jerusalem.
61„Wohin ist dein Geliebter gegangen, du schönste unter den Frauen? Wohin hat dein Geliebter sich gewandt? Wir suchen ihn mit dir.“ 2„Mein Geliebter stieg in seinen Garten hinab, zu den Beeten mit Balsam, auf die Weide in den Gärten, um Lilien zu pflücken. 3Ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter gehört mir, der unter den…
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Footnotes
- 1Kedar. Nomadenstamm in der syrisch-arabischen Wüste, bekannt durch seine Herden. Seine Zelte wurden aus schwarzen Ziegenhaardecken zusammengenäht.
- 2Decken. Eigentlich Zeltdecken, wie sie in der Stiftshütte und im Tempel Salomos verwendet wurden. Sie waren sehr kostbar.
- 3Meinen eigenen Weinberg. Damit meint sie sich selbst.
- 5Bändern. Gemeint sind vielleicht rundliche Schmuckstücke, die an Bändern zu beiden Seiten vom Kopfbund herabhingen.
- 6Narde ist eine duftende aromatische Pflanze, die in den Bergen des Himalaja in Höhen zwischen 3500 und 5000 Metern wächst. Mit dem aus der indischen Narde gewonnenen Öl wurde schon zur Zeit Salomos gehandelt.
- 7Myrrhe. Ein sehr kostbares wohlriechendes Harz afrikanisch-arabischer Herkunft, das in Salbölen und Arzneien verarbeitet wurde.
- 8Henna ist ein Baumstrauch, aus dessen Blättern man einen Farbstoff herstellte und aus dessen dicht stehenden weißen Blütentrauben man ein duftendes ätherisches Öl gewann.
- 9En-Gedi (Ziegenquell) ist eine Oase etwa in der Mitte des Westufers vom Toten Meer. Heute ist es ein Naturschutzgebiet.
- 1Scharon. Die Ebene voller üppiger Wiesen ist ein 15 km breiter und 75 km langer sehr fruchtbarer Streifen am Mittelmeer von Lydda im Süden bis zum Berg Karmel im Norden.
- 3Nun geh. Wörtlich: wende dich.
- 1Schleier. Hier ist der Brautschleier gemeint.
- 2Gilead. Die Berge im Ostjordanland waren besonders gut für die Viehzucht geeignet.
- 3Zwillinge, Fehlwurf. Jeder Zahn hat seine Entsprechung im anderen Kiefer. Es gibt keine Zahnlücke.
- 4Libanon. Die Gipfel des Libanongebirges stehen hier vielleicht für die sexuelle Distanz, die das Liebespaar einhielt.
- 5Schwester. Im damaligen Orient war das ein geläufiger Kosename eines Ehemanns für seine Frau.
- 6Safran. Die getrockneten und pulverisierten Stempel und Staubgefäße eines kleinen Krokus wurden als Küchengewürz verwendet.
- 1Der Satz drückt offenbar den Segen Gottes aus, der die geschlechtliche Liebe zwischen dem Ehemann und seiner Frau bestätigt.
Copyright 2018 Karl-Heinz Vanheiden