Hohelied 4–7
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Die erste Nacht (4)
41Wie schön du bist, meine Freundin, wie wunderschön! Deine Augen sind Tauben hinter deinem Schleier1. Dein Haar ist eine Herde schwarzer Ziegen, die herunterspringen vom Gebirge Gilead2. 2Deine Zähne sind weiß wie eine Herde geschorener Schafe, die gerade aus der Schwemme steigt. Sie alle werfen Zwillinge, keins hat einen Fehlwurf3 gehabt. 3Deine Lippen sind wie eine karmesinrote Schnur, lieblich ist dein Mund. Wie eine Granatapfelscheibe schimmert deine Schläfe hinter dem Schleier hervor. 4Dein Hals ist rund wie der Davidsturm, tausend Schilde hängen daran, die Rüstung der Helden. 5Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, die Zwillinge einer Gazelle, die in Lilienwiesen weiden. – 6Wenn der Abendwind weht und die Schatten fliehen, will ich zum Myrrhenberg gehen, zum Weihrauchhügel hin. 7Alles an dir ist schön, meine Freundin, kein Makel ist an dir.
8Komm mit mir, meine Braut, steig vom Libanon4 herab, weg vom Gipfel des Amana, vom Gipfel des Senir, dem Hermon, weg von den Verstecken der Löwen, den Bergen der Panther. 9Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester5, meine Braut, du hast mich betört mit einem einzigen Blick, mit einem einzigen Kettchen von deinem Hals. 10Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester, Braut! Deine Liebe ist viel köstlicher als Wein, der Duft deiner Salben betörender als jeder Balsamduft. 11Honig träufeln deine Lippen, meine Braut, und unter deiner Zunge sind Honig und Milch. Deine Kleider duften wie der Libanon.
12Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Brunnen, ein versiegelter Quell. 13Ein Lustgarten rankt sich aus dir, Granatapfelbäume voll köstlicher Frucht, Hennasträucher mit Narden, 14Narde und Safran6, Gewürzrohr und Zimt samt allerlei Weihrauchgewächsen, Myrrhe und Aloë samt Balsamsträuchern allerbester Art. 15Ein Gartenquell bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers, das vom Libanon her fließt.
16Nordwind wach auf! Du, Südwind, komm! Wehe durch meinen Garten und lass seine Düfte verströmen! Komm, mein Geliebter, in deinen Garten, genieße seine köstliche Frucht!
51Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut. Ich pflücke meine Myrrhe samt meinem Balsam, ich esse meine Wabe samt meinem Honig, ich trinke meinen Wein samt meiner Milch. „Esst, meine Freunde, und trinkt und berauscht euch an der Liebe!“1
5–8: Die Ehe
Erste große Unstimmigkeit (5–6)
2Ich schlief, aber mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft:
„Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von den Tropfen der Nacht.“
3„Ich habe mein Kleid doch schon ausgezogen und müsste es wegen dir wieder anziehen. Ich habe meine Füße gewaschen und müsste sie wieder beschmutzen.“
4Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke, da bebte mein Inneres ihm entgegen. 5Ich stand auf, um meinem Liebsten zu öffnen, da troffen meine Hände von Myrrhe durch die Griffe des Riegels, meine Finger von flüssiger Myrrhe. 6Ich öffnete meinem Geliebten, doch er war weggegangen, mein Geliebter war fort. Entsetzen packte mich: Er ist fort! Ich suchte und konnte ihn nicht finden, ich rief ihn, doch er antwortete nicht. 7Es fanden mich die Wächter bei ihrem Rundgang durch die Stadt. Sie schlugen und verwundeten mich. Die Wächter auf den Mauern nahmen mir meinen Überwurf weg.
8Ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jerusalem: Wenn ihr meinen Liebsten findet, was sollt ihr ihm sagen? Dass ich krank bin vor Liebe.
9Was hat dein Geliebter einem anderen voraus, du schönste unter den Frauen? Was hat dein Geliebter einem anderen voraus, dass du uns so beschwörst?
10Mein Geliebter ist rötlich und licht, unter Zehntausenden ragt er hervor. 11Sein Haupt ist feines, gediegenes Gold, seine Locken Dattelrispen, rabenschwarz. 12Seine Augen sind wie Tauben am Bach, gebadet in Milch, wie Juwelen eingefasst. 13Seine Wangen sind Beete voll Balsamkraut, in denen Gewürzkräuter sprießen. Seine Lippen sind Lilien, feucht von flüssiger Myrrhe. 14Seine Arme sind goldene Rollen, mit Topas besetzt, sein Leib ein Block von Elfenbein, bedeckt mit Saphiren. 15Seine Schenkel Marmorpfeiler auf Sockeln von gediegenem Gold. Sein Anblick gleicht dem Libanon, stattlich wie mächtige Zedern. 16Sein Gaumen ist voll Süße, alles an ihm ist begehrenswert. Das ist mein Geliebter, das ist mein Freund, ihr Töchter von Jerusalem.
61„Wohin ist dein Geliebter gegangen, du schönste unter den Frauen? Wohin hat dein Geliebter sich gewandt? Wir suchen ihn mit dir.“ 2„Mein Geliebter stieg in seinen Garten hinab, zu den Beeten mit Balsam, auf die Weide in den Gärten, um Lilien zu pflücken. 3Ich gehöre meinem Geliebten und mein Geliebter gehört mir, der unter den Lilien weidet.“
Wiedervereinigung (6–8)
4Schön wie Tirza1 bist du, meine Freundin, anmutig wie Jerusalem, schrecklich wie die Banner im Krieg. 5Wende deine Augen von mir ab, denn sie haben mich verwirrt. Dein Haar ist eine Herde schwarzer Ziegen, die herunterspringen vom Gebirge Gilead. 6Deine Zähne sind weiß wie eine Herde geschorener Schafe, die gerade aus der Schwemme steigt. Sie alle werfen Zwillinge, keins hat einen Fehlwurf gehabt. 7Wie eine Granatapfelscheibe schimmert deine Schläfe hinter dem Schleier hervor.
8Sechzig Königinnen sind es, achtzig Nebenfrauen; und junge Mädchen ohne Zahl. 9Nur eine ist mein makelloses Täubchen. Die Einzige war sie für ihre Mutter, das Liebste für die, die sie geboren hat. Würden die Töchter sie sehen, sie priesen sie glücklich, die Königinnen und Nebenfrauen, sie rühmten sie. 10Wer glänzt da hervor wie das Morgenrot, schön wie der Mond, klar wie die Sonne, schrecklich wie die Banner im Krieg?
11Ich stieg in den Nussgarten hinab, um nach den Trieben der Dattelpalme zu sehen. Ich wollte die Knospen am Weinstock betrachten und die ersten Blüten am Granatapfelbaum. 12Da setzte mich mein Verlangen – ich wusste nicht wie – auf die Streitwagen meines ehrsamen Volkes.
71Dreh dich, dreh dich, Schulammit! Dreh dich im Kreis, dass wir dich anschauen können! Was bewundert ihr denn an Schulammit, wenn sie so zwischen den Reihen tanzt?
2Wie schön sind deine Füße in den Sandalen, du Edelgeborene! Das Rund deiner Hüften ist das Werk eines Künstlers. 3Dein Schoß ist eine runde Schale, an Mischwein soll es nicht fehlen! Dein Leib ist wie ein Weizenhügel von Lilienblüten umrankt. 4Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, die Zwillinge einer Gazelle. 5Dein Hals ist wie der Elfenbeinturm, deine Augen wie die Teiche bei Heschbon am Tor von Bat-Rabbim. Deine Nase ist wie der Libanon-Turm, der nach Damaskus schaut. 6Dein Kopf ist wie der Karmelberg1, dein Haar darauf wie Purpur. In deinen Locken liegt ein König gefangen. 7Wie schön du bist, wie angenehm! O Liebe voller Wonne! 8Dein Wuchs gleicht einer Palme, deine Brüste den Trauben. 9Ich dachte: Die Palme will ich besteigen, will greifen nach ihren Rispen. Deine Brüste sollen für mich sein wie die Trauben vom Wein, dein Atemgeruch wie Apfelduft 10und dein Gaumen wie der köstlichste Wein. Sanft rinnt er bei meinen Liebkosungen, der die Lippen der Schlummernden benetzt.
11Ich gehöre meinem Geliebten, und sein Verlangen gilt mir. 12Komm, mein Geliebter, gehen wir aufs Feld hinaus! Verbringen wir die Nacht unter einem Hennastrauch. 13Machen wir uns früh zu den Weinbergen auf, sehen, ob der Weinstock treibt, ob die Knospen der Rebe sich öffnen, die Granatapfelbäume schon blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe. 14Die Liebesäpfel verströmen ihren Duft, vor unserer Tür warten alle köstlichen Früchte, frische und solche vom Vorjahr. Für dich, mein Geliebter, bewahrte ich sie auf.
Footnotes
- 1Schleier. Hier ist der Brautschleier gemeint.
- 2Gilead. Die Berge im Ostjordanland waren besonders gut für die Viehzucht geeignet.
- 3Zwillinge, Fehlwurf. Jeder Zahn hat seine Entsprechung im anderen Kiefer. Es gibt keine Zahnlücke.
- 4Libanon. Die Gipfel des Libanongebirges stehen hier vielleicht für die sexuelle Distanz, die das Liebespaar einhielt.
- 5Schwester. Im damaligen Orient war das ein geläufiger Kosename eines Ehemanns für seine Frau.
- 6Safran. Die getrockneten und pulverisierten Stempel und Staubgefäße eines kleinen Krokus wurden als Küchengewürz verwendet.
- 1Der Satz drückt offenbar den Segen Gottes aus, der die geschlechtliche Liebe zwischen dem Ehemann und seiner Frau bestätigt.
- 1Tirza lag 11 km nordöstlich von Sichem und war für seine Schönheit und seine Gärten bekannt. Die ersten fünf Jahrzehnte nach Salomos Tod und der Reichsteilung war Tirza die Hauptstadt des Nordreiches Israel.
- 1Karmel. Ein bewaldeter Berg, der die Mittelmeerebene unterbricht, Symbol für Schönheit.
Copyright 2018 Karl-Heinz Vanheiden