Jeremia 1,4–50,46
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Die Berufung Jeremias
4Das Wort Jahwes kam zu mir. Er sagte:
5„Noch bevor ich dich im Mutterleib formte, hatte ich dich erwählt. Noch ehe du geboren wurdest, hatte ich dich geweiht: Zum Propheten für die Völker bist du bestimmt!“
6Doch ich erwiderte: „Ach mein Herr, Jahwe! Ich kann doch nicht reden, ich bin noch zu jung!“ 7Da sagte Jahwe zu mir: „Sag nicht: ‚Ich bin zu jung!‘, sondern geh, wohin ich dich sende, und rede, was ich dir befehle! 8Hab keine Angst vor den Menschen, denn ich bin mit dir und beschütze dich, spricht Jahwe.“ 9Dann berührte Jahwe meine Lippen mit seiner Hand und sagte: „Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund. 10Pass auf:
Von heute an bist du damit betraut, in Königreichen und Völkern auszureißen und abzureißen, zu vernichten und zu verwüsten, zu bauen und zu pflanzen.“
Zwei Visionen
11Wieder kam das Wort Jahwes zu mir: „Was siehst du, Jeremia?“ – „Einen Mandelzweig“6, erwiderte ich. 12„Du hast richtig gesehen“, sagte Jahwe. „Denn ich wache7 über mein Wort, damit geschieht, was ich sage.“
13Das Wort Jahwes kam noch einmal zu mir: „Was siehst du?“ – „Ich sehe einen siedenden Kessel“, sagte ich, „sein Rand neigt sich von Norden her gegen mich.“ 14Da sagte Jahwe zu mir: „Von Norden her ergießt sich das Unheil über alle Bewohner dieses Landes. 15Ja, ich rufe alle Stämme des Nordens herbei“, spricht Jahwe, „dass ihre Könige kommen und ihre Throne an die Eingänge der Tore Jerusalems stellen und an der Stadtmauer entlang. Ebenso wird es bei allen Städten Judas sein. 16Dann werde ich mein Urteil über die Judäer sprechen und sie strafen für all das Böse, das sie getan haben: Sie haben mich verlassen und anderen Göttern Rauchopfer gebracht; angebetet haben sie das Werk ihrer eigenen Hände. 17Du aber mach dich bereit, steh auf und sag ihnen alles, was ich dir auftrage! Hab keine Angst vor ihnen, sonst mache ich dir vor ihnen Angst. 18Pass auf! Ich mache dich heute zu einer befestigten Stadt, einer eisernen Säule, einer ehernen Mauer gegen das ganze Land, gegen seine Könige und Beamten, gegen seine Priester und gegen das Volk. 19Sie werden gegen dich kämpfen, dich aber nicht bezwingen, denn ich bin mit dir, um dich zu retten“, spricht Jahwe.
Auf Untreue folgt Gericht (2–6)
Das treulose Volk
21Das Wort Jahwes kam zu mir. Er sagte: 2„Geh und ruf es Jerusalem in die Ohren: So spricht Jahwe:
‚Ich denke an deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, in dem Land, wo nichts gesät werden kann. 3Israel war Jahwe geweiht, es war die Erstfrucht seiner Ernte. Wer davon aß, machte sich schuldig, Unglück kam über ihn‘, spricht Jahwe.
4Hört das Wort Jahwes, ihr Nachkommen Jakobs, ihr Sippen vom Haus Israel! 5So spricht Jahwe: Welches Unrecht fanden eure Väter an mir, dass sie sich von mir entfernten, dass sie dem Nichts nachliefen und so selbst zu Nichts geworden sind. 6Sie fragten nicht: ‚Wo ist Jahwe, der uns aus Ägypten geführt, der uns den Weg wies durch die Wüste, durch ein wildes, zerklüftetes Land, ein Land des Durstes und des Dunkels, das niemand bewohnt und niemand durchzieht?‘
7Ich brachte euch ins Gartenland, damit ihr dessen Frucht und Güter genießt. Doch kaum wart ihr dort, habt ihr es besudelt, habt mir mein Eigentum zum Abscheu gemacht. 8Die Priester fragten nicht: ‚Wo ist Jahwe?‘ Die Hüter des Gesetzes kannten mich nicht, die Hüter des Volkes brachen mit mir. Die Propheten weissagten in Baals1 Diensten und liefen denen nach, die ohne Nutzen sind.
9Darum klage ich euch weiterhin an, spricht Jahwe. Auch eure Enkel verklage ich noch! 10Fahrt doch zu den Inseln der Kittäer2, schaut euch dort um! Schickt Leute nach Kedar3, erkundigt euch genau! Ist jemals so etwas geschehen? 11Hat je ein Volk die Götter ausgetauscht? Dabei sind es nicht einmal Götter! Doch mein Volk tauscht seine Herrlichkeit ein gegen das, was gar nichts nützt! 12Schaudert, ihr Himmel, bebt vor Entsetzen, spricht Jahwe. 13Denn mein Volk hat doppelt Unrecht getan: Mich verließen sie, die Quelle lebendigen Wassers, um sich Regengruben auszuhauen, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.
14Ist Israel denn ein Sklave, gar ein Sklave von Geburt? Warum ist es zur Beute geworden? 15Junglöwen brüllten über ihm. Sie haben sein Land zur Wüste gemacht. Seine Städte sind verbrannt und menschenleer. 16Nun kommen auch noch die Ägypter von Memphis4 und Tachpanhes5 und weiden dir den Scheitel ab. 17Das hast du dir selbst zuzuschreiben, denn du hast Jahwe, deinen Gott, verlassen, als er dich noch auf seinem Weg führte. 18Was nützt es jetzt, nach Ägypten zu laufen? Willst du das Nilwasser trinken? Was nützt es, nach Assyrien zu gehen? Willst du aus dem Euphrat schöpfen? 19Deine Bosheit bringt dich ins Unglück, dein treuloses Treiben führt die Strafe herbei. Sieh doch ein, wie schlimm und bitter es ist, Jahwe, deinen Gott, zu verlassen und keine Ehrfurcht zu haben vor mir, spricht Jahwe, der Herr aller Heere.
20Denn von jeher zerbrachst du dein Joch6, sprengtest deine Fesseln. ‚Ich will nicht dienen!‘, sagtest du und legtest dich als Hure auf jeden hohen Hügel und unter jeden grünen Baum. 21Ich hatte dich als Edelrebe gepflanzt, du warst ein erlesenes Gewächs. Wie hast du dich verwandelt! Ich sehe nur noch entartete Reben, einen fremden, verwilderten Weinstock. 22Auch wenn du dich mit Lauge wäschst, wenn du noch so viel Waschpaste nimmst, der Schmutz deiner Schuld bleibt immer vor mir, spricht Jahwe, der Herr.
23Wie kannst du nur sagen: ‚Ich bin nicht befleckt, hatte nichts mit Götzen7 zu tun!‘? Schau auf dein Treiben im Tal8, denk über deine Taten nach! Du brünstiges Kamel läufst ständig hin und her. 24Die wilde Eselin, an die Wüste gewöhnt: Vor lauter Gier schnappt sie nach Luft, ihre Brunst ist nicht zu bremsen. Wer sie sucht, muss sich nicht müde laufen, in ihrer Brunstzeit findet er sie. 25Erspare deinem Fuß die Blöße, deiner Kehle den Durst! Doch du sagst: ‚Nein, auf keinen Fall! Ich liebe diese Fremden und laufe ihnen nach!‘
26Wie ein ertappter Dieb beschämt dasteht, so muss sich das Haus Israel schämen: alle, die dazu gehören, ihre Könige und hohen Beamten, ihre Priester und ihre Propheten. 27Sie sagen zum Holzstück: ‚Du bist mein Vater!‘, und zur Steinfigur: ‚Du brachtest mich zur Welt!‘ Mir kehren sie den Rücken zu und nicht das Gesicht. Doch wenn das Unglück sie trifft, dann schreien sie: ‚Steh auf und rette uns!‘ 28Wo sind denn deine Götter, die du dir selber machst? Lass sie doch aufstehen, falls sie helfen können, wenn dann dein Unglück kommt. Denn so zahlreich wie deine Städte sind deine Götter, Juda!
29Warum klagt ihr mich an? Ihr habt doch mit mir gebrochen, spricht Jahwe. 30Vergeblich schlug ich eure Söhne, sie ließen sich nicht erziehen. Euer eigenes Schwert fraß eure Propheten wie ein Löwe, der alles ins Verderben reißt. 31O gegenwärtiges Geschlecht! Beachtet doch das Wort Jahwes! War ich für Israel denn eine Wüste, war ich ein finsteres Land? Warum sagt mein Volk: ‚Los, wir gehen! Wir kommen nicht zu dir zurück.‘ 32Vergisst ein Mädchen seinen Schmuck, eine Braut ihren prächtigen Gürtel? Doch mein Volk vergaß mich schon seit so langer Zeit. 33In der Jagd nach Liebhabern bist du unübertrefflich. So hast du dich an deine Verbrechen gewöhnt. 34Ja, an deinen Säumen findet sich das Lebensblut schuldloser Armer, und die hast du nicht beim Einbruch ertappt! Ja, es fand sich sogar noch mehr. 35Und bei allem sagst du immer noch: / ‚Ich bin doch ohne Schuld! Er ist ja nicht mehr zornig auf mich!‘ Gerade deshalb mache ich dir den Prozess. 36Warum beeilst du dich so und wechselst die Seiten? Ägypten wird dich genauso enttäuschen, wie dich Assyrien ernüchtert hat. 37Auch von dort kommst du ratlos zurück, die Hände vorm Gesicht. Jahwe hat die verworfen, auf die du vertraust. Mit ihnen gelingt es dir nicht.“
Bundesbruch ist Ehebruch
31Weiter sagte er: „Wenn ein Mann seine Frau verstößt und sie geht von ihm weg und wird die Frau eines anderen, darf sie dann wieder zu ihm zurück? Würde dieses Land nicht ganz und gar entweiht? Doch du hast viele Liebhaber gehabt! Und du willst zu mir zurück?“, spricht Jahwe. 2„Schau doch die kahlen Höhen an: Wo trieb man es noch nicht mit dir? An allen Wegen hast du auf sie gewartet wie ein Araber in der Wüste auf Reisende. Dein Huren hat das Land entweiht und deine Bosheit ebenfalls. 3Darum fiel kein Regen im Herbst und auch im Frühjahr nicht. Doch du hattest die Stirn einer Hure, du wolltest dich nicht schämen. 4Jetzt freilich rufst du mir zu: ‚Du bist doch mein Vater, mein Freund aus meiner Jugendzeit! 5Willst du denn ewig böse und immer nachtragend sein?‘ Ja, so hast du geredet und Böses getan und hast dich durchgesetzt.“
6Als König Joschija regierte, sagte Jahwe zu mir: „Hast du gesehen, was Israel, diese treulose Frau, getan hat? Sie ist auf jede Anhöhe gestiegen, hat sich unter jeden grünen Baum gelegt und sich dort mit anderen eingelassen. 7Ich dachte: ‚Wenn sie genug davon hat, wird sie wieder zu mir zurückkehren.‘ Aber sie kam nicht zurück. Und ihre treulose Schwester Juda sah zu. 8Ich gab Israel, dieser treulosen Frau, deshalb den Scheidebrief und schickte sie weg. Doch ihre treulose Schwester Juda schreckte das nicht ab. Sie ließ sich selbst mit anderen ein. 9So kam es, dass sie durch ihre leichtfertige Unmoral das Land entweihte. Mit Steinmalen und Holzfiguren hat sie Ehebruch getrieben. 10Und nach all dem ist Juda, die treulose Schwester, immer noch nicht mit ihrem ganzen Herzen zu mir zurückgekehrt. Es war nur geheuchelt, spricht Jahwe.“
11Weiter sagte Jahwe zu mir: „Das abtrünnige Israel steht gerechter da als das treulose Juda. 12Geh und rufe folgende Worte in Richtung Norden:
‚Du treuloses Israel, kehre zurück!‘, spricht Jahwe. ‚Ich blicke nicht mehr finster auf dich, denn ich bin gütig‘, spricht Jahwe. ‚Ich werde nicht ewig nachtragend sein. 13Doch du musst deine Schuld einsehen: Du hast Jahwe, deinem Gott, die Treue gebrochen und bist fremden Göttern nachgelaufen. Unter jedem grünen…
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Footnotes
- 6Der Mandelbaum blüht im Frühjahr als erster von allen Bäumen und scheint im Winter gar nicht „geschlafen“ zu haben.
- 7ich wache. Das hebräische Wort für wachen (schoked) klingt ähnlich wie das für Mandelbaum (schaked).
- 1Baal bedeutet „Herr“ oder „Gebieter“. Er wurde als Fruchtbarkeitsgott in Kanaan verehrt.
- 2Die Kittäer bewohnten Zypern und die griechischen Inseln.
- 3Kedar. Arabischer Stamm südöstlich von Israel. Nomadisierende Händler, als Kämpfer gefürchtet.
- 4Memphis war die alte Hauptstadt Ägyptens, 21 km südlich vom heutigen Kairo.
- 5Tachpanhes war eine Grenzfestung gegen Syrien und Israel in der Nähe von Pelusium im äußersten Nordosten von Ägypten.
- 6Ein Joch war der Holzrahmen, mit dem zwei Rinder vor Wagen oder Pflug gespannt wurden. Im übertragenen Sinn bedeutet es die Herrschaft, unter der man steht.
- 7Götzen. Wörtlich: Baalen. Baal bedeutet „Herr“ oder „Gebieter“ und war der Name des kanaanäischen Fruchtbarkeitsgottes. In der Mehrzahlform sind allgemein die fremden Götter gemeint oder die vielen Baalsheiligtümer im Land.
- 8im Tal. Gemeint ist wohl das Hinnom-Tal bei Jerusalem, ein Zentrum götzendienerischen Treibens.
Copyright 2018 Karl-Heinz Vanheiden