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Schlachter 2000
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Zweites Klagelied Trauer über Gottes Zorngericht gegen die Tochter Zion

2 Ach! Wie hat doch der Herr in seinem Zorn

die Tochter Zion in Wolkendunkel gehüllt!

Er hat die Zierde Israels

vom Himmel zur Erde geschleudert

und an den Schemel seiner Füße nicht gedacht

am Tag seines Zorns.

Der Herr hat vertilgt und nicht verschont

alle Wohnungen Jakobs;

in seinem Grimm hat er niedergerissen

die Festungen der Tochter Juda;

zu Boden geworfen und entweiht hat er

ihr Königreich samt ihren Fürsten.

In seinem grimmigen Zorn schlug er ab

jedes Horn von Israel;a

er zog seine rechte Hand zurück vor dem Feind

und hat Jakob in Brand gesteckt

wie ein flammendes Feuer,

das ringsum alles verzehrt.

Er spannte seinen Bogen wie ein Feind,

er stellte sich mit seiner Rechten wie ein Widersacher hin

und machte alles nieder, was lieblich anzusehen war;

ins Zelt der Tochter Zion

goß er seinen Grimm aus wie Feuer.

Der Herr ist wie ein Feind geworden;

er hat Israel vertilgt,

alle seine Paläste vernichtet;

er hat seine Festungen zerstört

und hat der Tochter Juda

viel Seufzen und Wehklage bereitet.

Er hat seine Hütte verwüstet wie einen Garten,

den Ort seiner Festversammlungen hat er zerstört;

der Herr hat in Zion

die Festtage und Sabbate in Vergessenheit gebracht

und König und Priester verworfen

in seinem grimmigen Zorn.

Der Herr hat seinen Altar verabscheut,

sein Heiligtum verworfen;

er hat der Hand des Feindes preisgegeben

die Mauern ihrer Paläste;

sie haben im Haus des Herrn Lärm erschallen lassen

wie an einem Festtag.

Der Herr hatte sich vorgenommen,

die Mauern der Tochter Zion zu zerstören;

er spannte die Meßschnur aus,

er zog seine Hand nicht zurück, bis er sie vertilgt hatte;

Bollwerk und Mauer versetzte er in Trauer;

kläglich liegen sie miteinander da.

Ihre Tore sind in den Erdboden versunken,

ihre Riegel hat er zerstört und zerbrochen;

ihr König und ihre Fürsten sind unter den Heiden;

es ist kein Gesetz mehr da,

auch bekommen ihre Propheten

keine Offenbarung mehr vom Herrn.

10 Die Ältesten der Tochter Zion,

sie sitzen schweigend auf der Erde;

sie haben Staub auf ihr Haupt gestreut

und sich mit Sacktuch umgürtet;

die Jungfrauen von Jerusalem,

sie senken ihr Haupt zur Erde.

11 Meine Augen sind ausgeweint,

mein Inneres kocht;

mein Herz schmilzt in mir

wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes,

weil Kind und Säugling verschmachten

auf den Straßen der Stadt!

12 Sie fragten ihre Mütter:

»Wo ist Brot und Wein?«,

als sie wie tödlich Verwundete dahinschmachteten

auf den Straßen der Stadt,

als sie den Geist aufgaben

im Schoß ihrer Mütter.

13 Was soll ich dir zusprechen,

was dir vergleichen,

du Tochter Jerusalem?

Was setze ich dir gleich,

damit ich dich trösten kann,

du Jungfrau, Tochter Zion?

Dein Schaden ist ja so groß wie das Meer!

Wer kann dich heilen?

14 Deine Propheten, sie haben dir

erlogenes und fades Zeug geweissagt;

sie deckten deine Schuld nicht auf,

um dadurch deine Gefangenschaft abzuwenden,

sondern sie weissagten dir Aussprüche

voll Trug und Verführung.

15 Alle, die auf dem Weg vorübergehen,

schlagen die Hände zusammen über dich;

sie zischen und schütteln den Kopf

über die Tochter Jerusalem

»Ist das die Stadt, von der man sagte,

sie sei der Schönheit Vollendung,

die Wonne der ganzen Erde?«

16 Alle deine Feinde

sperren ihr Maul gegen dich auf,

sie zischen und knirschen mit den Zähnen;

sie sagen: »Jetzt haben wir sie vertilgt!

Das ist der Tag, auf den wir hofften;

jetzt haben wir ihn erreicht und gesehen!«

17 Der Herr hat vollbracht, was er sich vorgenommen hatte;

er hat sein Wort genau erfüllt,

das er von alters her hat verkündigen lassen;

er hat schonungslos zerstört;

er hat den Feind über dich frohlocken lassen

und das Horn deiner Widersacher erhöht.

18 Ihr Herz schreit zum Herrn!

Du Mauer der Tochter Zion,

laß Tränenströme fließen

bei Tag und Nacht,

gönne dir keine Ruhe,

dein Augapfel raste nicht!

19 Steh auf und klage in der Nacht,

beim Beginn der Wachen!

Schütte dein Herz wie Wasser aus

vor dem Angesicht des Herrn!

Hebe deine Hände zu ihm empor

für die Seele deiner Kinder,

die vor Hunger verschmachten

an allen Straßenecken!

20 Herr, schau her und sieh:

An wem hast du so gehandelt?

Sollten denn Frauen ihre eigene Leibesfrucht essen,

die Kinder ihrer liebevollen Pflege?

Sollten wirklich Priester und Propheten

erschlagen werden im Heiligtum des Herrn?

21 Auf den Straßen liegen am Boden hingestreckt

Knaben und Greise;

meine Jungfrauen und meine jungen Männer,

sie sind durchs Schwert gefallen;

du hast sie erwürgt am Tag deines Zornes,

du hast sie schonungslos niedergemacht!

22 Wie zu einem Festtag hast du zusammengerufen

alles, was ich fürchtete, von allen Seiten,

und nicht einer ist entkommen oder übriggeblieben

am Tag des Zornes des Herrn.

Die ich liebevoll gepflegt und großgezogen hatte,

die hat mein Feind vertilgt!

SLT

About Schlachter 2000

Franz Eugen Schlachters Übersetzung der ganzen Bibel erschien 1905 als erste deutsche Bibel des 20. Jahrhunderts. Schlachter gelang es, der Übersetzung eine besondere sprachliche Ausdruckskraft und seelsorgerliche Ausrichtung zu verleihen. Im Jahr 1951 erschien eine revidierte Ausgabe der Genfer Bibelgesellschaft. Diese Fassung wurde nunmehr weiter bearbeitet.

Überzeugt vom Wert dieser Übersetzung, wollte die Genfer Bibelgesellschaft den besonderen Charakter und die treffenden Formulierungen des Originals beibehalten. Gleichzeitig sollte die Schlachter-Bibel den Grundtext an wichtigen Stellen genauer wiedergeben. Dieser Übersetzung liegt im Alten Testament der überlieferte Masoretische Text und im Neuen Testament der überlieferte griechische Text der Reformation zugrunde, der auch die Grundlage der alten Zürcher-Bibel, der alten Luther-Bibel und der King-James-Bibel war.

Die revidierte Schlachter-Bibel hat also das Anliegen, das Wort Gottes wortgetreu und für den Leser klar verständlich wiederzugeben, damit das ewige Bibelwort seine erleuchtende und belebende Kraft auch im 21. Jahrhundert entfalten kann.

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